Michael Mühlhauser, Angela Fiedler, Sabine Patzl, Melissa Schütz, Marcel Soler Lopez, Simon Steuer, Dominik Herrmann, Daniela Nicklas, Astrid Schütz · Full Paper, ARES 2026, 24.–27. August 2026, Linköping (Schweden) · Preprint folgt

Gemeinsame Arbeit von IT-Sicherheit (Lehrstuhl PSI), Informatik/Sensorik (Daniela Nicklas) und Psychologie (Astrid Schütz) an der Universität Bamberg, gefördert im BMFTR-Projekt explanym.

Kurzfassung

Krankenhäuser wollen Geräte wie Wundtherapie-Pumpen per Bluetooth orten – doch an Patientinnen und Patienten angebrachte Geräte erzeugen dabei sensible Bewegungsdaten. Unser Datenschutzkonzept macht nur ungenutzte Pumpen sichtbar; genutzte bleiben verborgen. In einem Between-subjects-Onlinesurvey (N = 766) haben wir geprüft, wie gut drei Erklärformate dieses Konzept vermitteln: nur Text, Text mit Screenshot, Text mit interaktiver Anwendung. Alle Formate steigerten subjektives Verständnis und Vertrauen deutlich gegenüber der Kontrollgruppe – aber das objektive Verständnis blieb in allen Gruppen niedrig, während die Selbstsicherheit durchgehend hoch war.

Das erklärte Konzept in zwei Regeln

Eine Pumpe wird für das Personal nur sichtbar, wenn sie sicher nicht an einer Person hängt:

  1. Zeitregel: Sie hat sich seit mindestens 24 Stunden nicht bewegt.
  2. Ortsregel: Sie liegt in einem Bereich ohne Patientenzugang (z. B. Lager).

Alle anderen Ortungsdaten verwirft ein Proxy, bevor sie das Tracking-System erreichen (Datenminimierung auf Architekturebene). Bekannte Grenze des Konzepts: Wer sich mit angebrachter Pumpe länger als 24 Stunden nicht bewegt, wird sichtbar – genau das Verständnis dieser Grenze haben wir abgefragt.

Kernzahlen

Anteil korrekter Antworten je Verständnisfrage und Erklärformat, von 92,6 Prozent bei der Technologiefrage bis 16,3 Prozent bei den Kernmaßnahmen in der TextgruppeTextText+BildText+interaktivQ1: TechnologieQ1: Technologie – Text: 92,6 %92,6 %Q1: Technologie – Text+Bild: 87,8 %87,8 %Q1: Technologie – Text+interaktiv: 82,7 %82,7 %Q2: KernmaßnahmenQ2: Kernmaßnahmen – Text: 16,3 %16,3 %Q2: Kernmaßnahmen – Text+Bild: 36,2 %36,2 %Q2: Kernmaßnahmen – Text+interaktiv: 39,5 %39,5 %Q3: Wann unsichtbar?Q3: Wann unsichtbar? – Text: 31,1 %31,1 %Q3: Wann unsichtbar? – Text+Bild: 37,8 %37,8 %Q3: Wann unsichtbar? – Text+interaktiv: 30,8 %30,8 %Q4: Wann sichtbar?Q4: Wann sichtbar? – Text: 60,0 %60,0 %Q4: Wann sichtbar? – Text+Bild: 58,0 %58,0 %Q4: Wann sichtbar? – Text+interaktiv: 58,9 %58,9 %Q5: Grenzen des KonzeptsQ5: Grenzen des Konzepts – Text: 37,4 %37,4 %Q5: Grenzen des Konzepts – Text+Bild: 41,5 %41,5 %Q5: Grenzen des Konzepts – Text+interaktiv: 49,2 %49,2 %
Anteil korrekter Antworten je Verständnisfrage (All-or-nothing-Bewertung, nur Erklärgruppen, n = 563). Die Selbstsicherheit lag bei allen Fragen und Gruppen zwischen 7,3 und 9,2 auf einer 10er-Skala – weitgehend unabhängig davon, ob die Antwort stimmte.
  • Erklären wirkt – das Format kaum: Alle drei Formate verbesserten subjektives Verständnis (Cohen’s d = 0,90–1,09) und Vertrauen (d = 0,42–0,57) signifikant gegenüber der Kontrollgruppe; zwischen den Formaten gab es keine Unterschiede.
  • Objektives Verständnis: Bild- und interaktives Format übertrafen das reine Textformat (je p = 0,041), aber mit kleinem Effekt und niedrigen Absolutwerten (Median 3 bzw. 2 von 5 Punkten). Bei der Frage nach den Kernmaßnahmen antworteten nur 16,3 % der Text-Gruppe korrekt.
  • Overconfidence: Trotz teils unter 40 % korrekter Antworten lag die Selbstsicherheit durchgehend bei 7,3–9,2 von 10 – die Teilnehmenden bemerkten ihr geringes Verständnis nicht.
  • Nutzungsbereitschaft ≥ 90 % in allen Gruppen (90,0–94,1 %, keine signifikanten Unterschiede) – auch in der Kontrollgruppe, die kaum eine Erklärung erhielt.

Was das für Einwilligungen bedeutet

Erklärungen können eine Illusion von Verständnis erzeugen: Menschen glauben zu verstehen, wie ihre Daten geschützt werden, vertrauen dem Konzept und stimmen zu – ohne es tatsächlich zu verstehen. Subjektives Verständnis ist damit kein verlässlicher Indikator für tatsächliches Verständnis. Kein untersuchtes Format führte allein zu ausreichendem Verständnis für eine informierte Einwilligung; das stellt gängige Consent-Mechanismen infrage. Interaktive Elemente erzielten die höchsten Werte beim Verständnis der Konzept-Grenzen – dort, wo Verständnis am meisten zählt.

Methodik und Limitationen

Methodik. Between-subjects-Onlinesurvey mit vier Gruppen (Kontrolle n = 203, Text n = 190, Text+Bild n = 188, Text+interaktiv n = 185); Rekrutierung über Prolific (D-A-CH), Randomisierung, zwei Attention-Checks, von der Ethikkommission der Universität genehmigt. Die interaktive Erklärung war eine voll implementierte Web-Anwendung (Pumpen verschieben, Bewegungszeitpunkte setzen, Zeit-Simulator). Objektives Verständnis: fünf Multiple-Response-Fragen mit All-or-nothing-Bewertung plus Confidence-Rating je Frage; Auswertung mit Welch-ANOVA/Games-Howell bzw. Kruskal-Wallis/Dunn (Holm).

Limitationen. Onlinesurvey statt echter Einwilligungssituation im Krankenhaus; Prolific-Stichprobe jung, gebildet und mit überdurchschnittlichem Datenschutzwissen; strenges All-or-nothing-Scoring; Interaktionszeit nicht erfasst (reichere Formate = mehr Material); die Erklärungen beschrieben den Schutz, nicht die konkreten Risiken der Datenerhebung.

Zitieren

Camera-Ready-Version, DOI und Preprint folgen; vorläufig:

@misc{muehlhauser2026explanations,
  title  = {A Quantitative Evaluation of Textual, Visual, and Interactive
            Explanations of a Privacy Concept in a Hospital Setting},
  author = {M{\"u}hlhauser, Michael and Fiedler, Angela and Patzl, Sabine and
            Sch{\"u}tz, Melissa and Soler Lopez, Marcel and Steuer, Simon and
            Herrmann, Dominik and Nicklas, Daniela and Sch{\"u}tz, Astrid},
  year   = {2026},
  note   = {Angenommen bei ARES 2026; Preprint folgt}
}

Erklärungen, Survey-Fragen, anonymisierte Antwortdaten und das Analyse-Skript sind offen verfügbar: github.com/UBA-PSI/explanations-study.

Kontakt

Prof. Dr. Dominik Herrmann
Lst Privatsphäre und Sicherheit in Informationssystemen
Universität Bamberg, 96045 Bamberg
Lst Privatsphäre und Sicherheit in Informationssystemen
Universität Bamberg
96045 Bamberg

dh.psi@uni-bamberg.de | +49 951 863-2661
uni-mal-anders.de | LinkedIn

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