Sophia Mittelbach, Florian Seida, Dominik Herrmann · Full Paper, ARES 2026, 24.–27. August 2026, Linköping (Schweden) · Preprint folgt
Entstanden im Bayerischen Forschungsverbund ForDaySec.
Kurzfassung
Die Privacy Range überträgt das Prinzip von Security-Trainingsumgebungen wie dem OWASP Juice Shop auf den Datenschutz: ein realistischer, fiktiver Online-Shop mit 13 absichtlich eingebauten DSGVO-Problemen – von vorab aktivierten Cookie-Toggles bis zu Formularen, die Eingaben schon vor dem Absenden an Dritte senden. In einer qualitativen Laborstudie (N = 10) suchten IT-Studierende, die kurz zuvor einen intensiven DSGVO-Kurs bei einer Datenschutzjuristin abgeschlossen hatten, diese Probleme per Think-aloud. Der Befund: Die Hürde war nicht fehlendes konzeptuelles Wissen, sondern dessen prozedurale Anwendung – es fehlten Untersuchungsroutinen, Werkzeug-Kompetenz und der Impuls, Interface-Aussagen gegen das tatsächliche Systemverhalten zu prüfen.

Zentrale Befunde
Kein Audit-Skript im Kopf
Die Teilnehmenden untersuchten ad hoc und reaktiv statt systematisch – nicht aus Unfähigkeit, sondern weil ihnen eine eingeübte Prüfroutine fehlte. Ganze Funktionsbereiche blieben ungeprüft.
Glauben statt Prüfen
UI-Feedback und Policy-Aussagen wurden als Beleg akzeptiert: Nach der Kontolöschung suchte kaum jemand nach verbliebenen Daten in öffentlichen Reviews. Ein Teilnehmer brachte es auf den Punkt: „It’s a matter of believing rather than checking.“
Gewöhnung macht Probleme unsichtbar
Vertraute Non-Compliance-Muster (vorab aktivierte Cookies, eingebettete Google Fonts) wurden nicht mehr als Probleme wahrgenommen. Das umfangreiche Third-Party-Tracking fand in der freien Exploration niemand.
Technik-Lücken bei versteckten Problemen
Bei Problemen, die Netzwerk- oder Storage-Inspektion erforderten, halfen selbst gezielte Hinweise nicht (bei drei versteckten Problemen: 0 von 4, 0 von 6 und 0 von 7 erfolgreichen Hint-Nachführungen).
Die Teilnehmenden schätzten die Umgebung weniger als Wissensvermittlung, sondern als Diagnose-Instrument: „It really holds up a mirror to show you everything that’s still missing.“ Die Konsequenz für die Ausbildung: Juristisch fokussierte DSGVO-Schulung ist notwendig, aber allein unzureichend – „mehr Schulung“ derselben Art ist die falsche Antwort. Es braucht Training der prozeduralen Kompetenz: Audits strukturieren, Systemverhalten verifizieren, Beobachtungen auf rechtliche Anforderungen abbilden.
Die 13 eingebauten Datenschutzprobleme
| Nr. | Problem | Kurzbeschreibung |
|---|---|---|
| V1 | Blockierte Datenschutzerklärung | Das Cookie-Banner versperrt den Zugriff auf die Datenschutzerklärung |
| V2 | Vorab aktivierte Cookies | Toggles für optionale Cookies sind standardmäßig eingeschaltet |
| V3 | Fehlender Ablehnen-Button | Ein „Alle ablehnen“-Button fehlt bzw. ist versteckt |
| V4 | Unvollständige Kontolöschung | Nach der Löschung bleiben Name und E-Mail in öffentlichen Reviews sichtbar |
| V5 | Speicherbegrenzung verletzt | Daten werden länger als nötig aufbewahrt |
| V6 | Erzwungene Policy-Zustimmung | Zustimmung zur Datenschutzerklärung wird fälschlich als Einwilligung erzwungen |
| M1 | Fehlender Datenexport | Keine Funktion zur Datenportabilität (rechtlich abwägbar) |
| M2 | Lückenhafte Datenschutzerklärung | Pflichtangaben zu Speicherdauer und Zwecken fehlen |
| H1 | Skripte ohne Einwilligung | Ein Hashtag-Button lädt Skripte und Cookies ohne Offenlegung |
| H2 | Falsch kategorisierter Consent | Der Cookie-Consent eines Videos ist falsch einsortiert |
| H3 | Externe Schriften | Font-Laden von Dritten überträgt IP-Adressen |
| H4 | Umfangreiches Tracking | Third-Party-Tracking, nur nach Akzeptieren optionaler Cookies sichtbar (rechtlich abwägbar) |
| H5 | Leaky Forms | Formulareingaben gehen schon vor dem Absenden an einen Drittanbieter |
V = sichtbar in der Oberfläche, M = fehlende Funktion/Angabe, H = nur über DevTools/Quellcode erkennbar. Am häufigsten erkannt: H1 (alle Teilnehmenden zumindest teilweise). Von niemandem in der freien Exploration erkannt: H4.
Methodik und Limitationen
Methodik. Qualitative In-Person-Laborstudie (N = 10, IT-Studierende, November 2025) direkt nach einem einwöchigen DSGVO-Intensivkurs (14 × 90 Minuten bei einer praktizierenden Datenschutzjuristin, mit Klausur – rein juristisch, ohne technische Übungen). Ablauf nach dem Problem-Solving-before-Instruction-Paradigma: freie Exploration mit Think-aloud (max. 45 Minuten), bis zu zwei Hinweise je unentdecktem Problem, strukturierter Walkthrough, Abschlussinterview. Auswertung: reflexive Thematic Analysis (Verhaltensmuster), Framework Analysis mit vorab definierter Erkennungs-Rubrik (gewichtetes κ = 0,78), qualitative Inhaltsanalyse der Interviews (κ = 0,76).
Limitationen. Kleine Studierenden-Stichprobe aus einem einzigen Kurs an einer Institution; Problemsuche in einem fremden System ist nur ein Proxy für Datenschutz-Kompetenz in der Entwicklung; Anwesenheit der Forschenden und Think-aloud können Verhalten und Begründungen beeinflusst haben; die Befunde beziehen sich auf die konkrete Problemauswahl der Umgebung.
Zitieren
Camera-Ready-Version, DOI und Preprint folgen; vorläufig:
@misc{mittelbach2026privacyrange,
title = {Beyond Theory: Identifying Barriers to Applied GDPR Compliance
in a Privacy Range},
author = {Mittelbach, Sophia and Seida, Florian and Herrmann, Dominik},
year = {2026},
note = {Angenommen bei ARES 2026; Preprint folgt}
}Quellcode der Privacy Range, Problembeschreibungen mit Design-Begründungen, Interviewleitfäden, Hinweise und die vollständige Erkennungs-Rubrik sind offen verfügbar: doi.org/10.5281/zenodo.20285016. Die Umgebung selbst läuft unter private-piranha.pics.
