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Hausarbeit mit Referat – 2500-Wort-Essay plus kritische Lektüre eines fremden Entwurfs. LLM-Nutzung in allen Phasen erlaubt (außer Woche 14). Für das Seminar wird voraussichtlich ein zentral bereitgestellter Zugang zu einem Frontier-LLM (z.B. ChatGPT oder Claude) organisiert. LLM-Nutzung im Seminar folgt der AI-Defend v1-Upload Policy – einer Lehrstuhlrichtlinie, die regelt, unter welchen Bedingungen KI-generierte Inhalte in Prüfungsleistungen eingereicht werden dürfen.
Format und Grundidee
Das Seminar läuft als Hausarbeit mit Referat, weicht aber in mehreren Punkten vom klassischen Seminarbetrieb ab. Die zentrale Annahme: Studierende werden in ihrer Arbeit LLMs einsetzen. Das Seminar versucht nicht, diese Nutzung zu erkennen oder zu verbieten. Es vermittelt und prüft das Urteilsvermögen, das nötig ist, um diese Werkzeuge gut einzusetzen – und legt die bewerteten Momente dorthin, wo dieses Urteilsvermögen sichtbar wird.
In den Sitzungen entwickeln wir Geschmack: die Fähigkeit, gutes Schreiben über Security und Privacy von schlechtem zu unterscheiden – durch Übungen zur Textbearbeitung, Close Reading und Kritik in der Gruppe. Geschmack ist die didaktische Orientierung des Seminars, aber nicht das Bewertungskriterium. Bewertet wird anhand eines Bewertungsschemas mit konkreten Dimensionen (siehe Bewertung weiter unten).
Der Einsatz beliebiger Werkzeuge ist in allen Phasen erlaubt. Der Maßstab ist die Qualität des Endergebnisses und das redaktionelle Urteilsvermögen, das sich in den drei Prüfungskomponenten zeigt. Von einem LLM generierter Text ohne redaktionelle Bearbeitung wird die Anforderungen des Bewertungsschemas in der Regel nicht erfüllen.
Seminarleistung
Die Teilnehmenden schreiben einen Essay von 2500 Wörtern, in dem sie ein nicht-triviales Konzept aus dem Bereich Security oder Privacy klar und präzise für fortgeschrittene Bachelorstudierende erklären. Die Themen werden vom Dozenten kuratiert, in Woche 1 bekanntgegeben und in Woche 2 zugeteilt, nachdem die Teilnehmenden ihre Präferenzen angegeben haben.
Ablauf über das Semester
Wochen 1–7: Writing Labs und Editing Flights
Gemeinsames Erarbeiten eines Vokabulars für gutes Schreiben über Security. In jeder Sitzung werden Textpassagen gelesen, bearbeitet und kritisiert. Regelmäßige aktive Teilnahme an den Präsenzterminen wird erwartet; Details ergeben sich aus der Prüfungsordnung und den Seminarregeln.
Woche 8: Schreibwoche
Keine Sitzung. Die Woche dient dazu, die Erstfassung zu schreiben.
Woche 9: Pair-Editing-Sitzung
Erstfassung zu Beginn der Sitzung abgeben (mindestens 1500 Wörter). Revidierte Fassung bis Ende des Tages.
Wochen 10–11: Vorbereitung der Referate
Wochen 12–13: Referate
Jede Person präsentiert eine kritische Lektüre des Entwurfs einer anderen Person – nicht des eigenen Themas.
Woche 14: Betreute Überarbeitungssitzung
Die finale Fassung des Essays entsteht im Seminarraum. Ohne Internet, ohne LLM.
Woche 9 im Detail
Vor der Sitzung. Die Erstfassung (mindestens 1500 Wörter) wird zu Beginn der Sitzung eingereicht. Die fristgerechte Abgabe der Erstfassung ist Voraussetzung für die weiteren Prüfungsleistungen, da ohne sie weder das Pair Editing noch die betreute Überarbeitungssitzung in Woche 14 durchgeführt werden können.
Während der Sitzung. Die Teilnehmenden werden paarweise für das Pair Editing zusammengestellt. Die Paare sind symmetrisch: Beide bearbeiten gegenseitig die Entwürfe der jeweils anderen Person, im selben Raum, während der Dozent zwischen den Paaren wechselt. Diese Zuordnung ist unabhängig von der Referatszuordnung – Pair-Editing-Partner und Referatsleser sind bewusst verschiedene Personen. Das Pair Editing ist ein formatives, niedrigschwelliges Feedback; das Referat ist eine summative, öffentliche Kritik.
Nach der Sitzung. Bis Ende des Tages wird das Feedback aus dem Pair Editing eingearbeitet und eine revidierte Fassung eingereicht. Diese Version ist diejenige, mit der die lesende Person für das Referat arbeiten wird. LLM-Nutzung ist bei dieser Überarbeitung erlaubt und erwünscht – die betreute Sitzung in Woche 14 ist diejenige, die ohne LLM stattfindet.
Nach der Abgabe. Die Referatszuordnungen werden am Ende von Woche 9 bekanntgegeben, nachdem alle revidierten Fassungen eingereicht sind. Bis zu diesem Zeitpunkt ist nicht bekannt, wer welchen Entwurf lesen wird.
Die drei Bewertungskomponenten
Das Seminar prüft drei unterschiedliche Fähigkeiten.
1. Erklärendes Schreiben (Entwurf und finaler Essay)
Die fachlich-rhetorische Qualität der eingereichten Textfassungen: ein Konzept aus dem Bereich Security oder Privacy klar, präzise und ökonomisch erklären.
2. Substanzielle Lektüre (Referat)
Die Fähigkeit, die Arbeit einer anderen Person gut zu lesen. Im Referat wird eine kritische Lektüre des Entwurfs einer anderen Person präsentiert – nicht der eigenen Arbeit. Das Referat prüft bewusst nicht primär Themenrecherche, sondern die Fähigkeit, einen fachlichen Text präzise zu lesen, zu diagnostizieren und öffentlich zu diskutieren.
Für das Referat steht eine Wahl zwischen drei Zugängen, je nachdem, was der zugewiesene Entwurf tatsächlich braucht:
Nachvollziehende Darstellung
“Das ist die Argumentation, das ist die Struktur, das halte ich für besonders gelungen, und an dieser einen Stelle sehe ich eine Schwäche.” Für Entwürfe, die im Kern solide sind.
Diagnostische Kritik mit Alternative
“Das wurde meiner Meinung nach falsch gemacht, so hätte ich es angegangen, und deshalb wäre meine Version klarer.” Für Entwürfe mit substanziellen Problemen.
Fragengeleitete Diskussion
“Das sind die drei Fragen, die dieser Entwurf bei mir aufgeworfen hat und die ich aus dem Text heraus nicht beantworten konnte. Ich möchte sie mit der schreibenden Person und dem Plenum diskutieren.” Für Entwürfe, die interessant, aber unvollständig sind.
Den falschen Zugang zu wählen – eine nachvollziehende Darstellung eines schlechten Entwurfs oder Kritik an einem guten – ist selbst ein Zeichen schwachen Urteilsvermögens und fließt in die Bewertung ein.
Am Ende jedes Referats bittet der Dozent die lesende Person, einen konkreten Satz oder Absatz aus dem Entwurf spontan zu verbessern: 90 Sekunden Bedenkzeit, keine Hilfsmittel, dann die verbesserte Version laut vortragen.
3. Überarbeitung unter Kritik (betreute Sitzung, Woche 14)
Die Fähigkeit, sich substanziell mit Kritik an der eigenen Arbeit auseinanderzusetzen – nachweisbarer Umgang mit Kritik, nicht nur Textqualität.
Die Sitzung in Woche 14 dauert 180 Minuten im Seminarraum. Zu Beginn erhalten die Teilnehmenden drei Dinge:
- Den eigenen Entwurf
- Die eigenen Notizen aus dem Referat (während der Wochen 12–13 auf vom Dozenten bereitgestelltem Papier festgehalten und bis Woche 14 vom Dozenten verwahrt)
- Ein Gutachten des Dozenten, das genau zwei substanzielle Punkte zum Entwurf identifiziert: eine Klärung oder Strukturfrage und eine inhaltliche Herausforderung, die echtes Nachdenken erfordert
Die Sitzung dient dazu, eine finale Fassung und eine kurze Stellungnahme zu verfassen, die auf die beiden Punkte des Gutachtens und das Peer-Feedback eingeht. Kein Internet, kein LLM-Zugang. Der Dozent ist anwesend und beantwortet praktische, aber keine inhaltlichen Fragen.
Das Gutachten ist die primäre Quelle substanzieller Anforderungen in der Überarbeitung. Das Peer-Feedback aus dem Referat ist ein sekundärer Input – nützlich, aber nicht tragend. Falls die lesende Person schwach oder unfokussiert war, entsteht daraus kein Nachteil, weil das Gutachten unabhängig davon eine fundierte Herausforderung liefert.
Gerichtete Rotation bei der Zuordnung
Bei n Studierenden bildet die Zuordnung einen einfachen Ring: Person 1 liest den Entwurf von Person 2, Person 2 liest den Entwurf von Person 3, und so weiter, wobei Person n den Entwurf von Person 1 liest. Niemand liest den Entwurf der Person, die den eigenen Entwurf liest. Pair-Editing-Partner und Referatsleser sind bewusst verschiedene Personen.
Die Notizen-Regel
Während jedes Referats macht die schreibende Person Notizen auf vom Dozenten bereitgestelltem Papier. Am Ende jeder Referatssitzung sammelt der Dozent die Notizen ein und verwahrt sie bis Woche 14, wo sie zu Beginn der betreuten Überarbeitungssitzung zurückgegeben werden. Die Regel verhindert die nachträgliche Erweiterung der Notizen mit einem LLM – in derselben Logik, in der ein Klausurheft im Prüfungsraum bleibt.
Bewertung
Bewertet wird anhand eines Bewertungsschemas mit operationalen Dimensionen. Geschmack ist die didaktische Orientierung des Seminars; das Bewertungsschema ist das Instrument der Benotung.
Essay (Erstfassung und revidierte Fassung)
Fachlich-rhetorische Qualität der eingereichten Textfassungen:
Epistemische Qualität – Korrektheit fachlicher Aussagen, Umgang mit dem Gegenstandsbereich, Zitiertreue, Umgang mit Unsicherheit und Gegenargumenten.
Rhetorische Qualität – erklärende Struktur, Klarheit und Prägnanz, Kohäsion und Kohärenz, Register angemessen für fortgeschrittene Bachelorstudierende.
Handwerkliche Qualität – Qualität und Einsatz von Abbildungen, typographische Sorgfalt, visuelle Hierarchie, Gesamteindruck.
Referat
Diagnostische Qualität – Wurde der richtige Zugang für den Entwurf gewählt?
Substanz der Lektüre – Setzt sich die Lektüre mit dem auseinander, was der Entwurf tatsächlich sagt?
Mündliche Leistung – Tempo, Struktur, Umgang mit der Diskussion, Umgang mit der spontanen Verbesserungsaufgabe.
Überarbeitung und Stellungnahme
Qualität der Reaktion auf Kritik:
Wirksamkeit der Überarbeitung – Geht der überarbeitete Essay tatsächlich auf die Punkte des Gutachtens ein?
Qualität der Argumentation – Findet substanzielle Auseinandersetzung mit der Kritik statt, oder wird Auseinandersetzung nur inszeniert?
Bewahrung oder Verbesserung der Stärken des ursprünglichen Essays.
Gewichtung
30 % Essay (fachlich-rhetorische Textqualität), 30 % Referat (Qualität der kritischen Lektüre), 40 % Überarbeitung und Stellungnahme (Umgang mit Kritik).
Bonuspunkte: Sammlung schlechter Absätze
Im Lauf des Semesters können Beispiele schlechten Schreibens über Security oder Privacy aus freier Wildbahn eingereicht werden, jeweils mit einem Absatz Annotation, der erklärt, was daran schlecht ist. Ein guter Beitrag bringt einen kleinen Bonus (bis zu 2 Notenstufen Verbesserung, d.h. z.B. von Note 2,7 eine Verbesserung auf die Note 2,0; begrenzt auf zwei Beiträge pro Person) und wird Teil des Seminarmaterials in zukünftigen Jahrgängen.
Was oberflächliches Arbeiten erschwert
Mehrere Elemente des Formats erhöhen die Kosten oberflächlichen Engagements:
- Wer einen Entwurf per LLM generiert, ohne ihn zu verstehen, hat es in der betreuten Überarbeitungssitzung schwer, weil das Gutachten substanzielle Auseinandersetzung mit dem eigenen Text verlangt.
- Wer ein Referat mit einem LLM einstudiert, gerät bei der spontanen Verbesserungsaufgabe und in der Diskussion ins Straucheln.
- Die gerichtete Rotation verhindert paarweise Absprachen zwischen Lesenden und Schreibenden.
- Die Notizen-Regel verhindert die nachträgliche LLM-Erweiterung des Feedbacks aus dem Referat.
Auf einen Blick
Leistung: Essay von 2500 Wörtern, der ein kuratiertes Security- oder Privacy-Konzept erklärt
Erstfassung fällig: Beginn von Woche 9 (mindestens 1500 Wörter)
Revidierte Fassung fällig: Ende des Tages, Woche 9 (nach Pair Editing)
Referate: Wochen 12–13 (kritische Lektüre eines fremden Entwurfs, nicht des eigenen)
Finale Abgabe: In der betreuten Überarbeitungssitzung, Woche 14
Gewichtung: 30 % Essay / 30 % Referat / 40 % Überarbeitung und Stellungnahme
Werkzeuge: Beliebig, in allen Phasen – außer während der betreuten Sitzung in Woche 14
Themen werden in Woche 1 bekanntgegeben und in Woche 2 zugeteilt. Die erste Sitzung dient dazu, das Format in Aktion zu erleben.
