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Für wen diese Seite ist – Für Lehrende, die ein Seminar mit Hausarbeit und Referat anbieten und überlegen, das Format zu übernehmen. Die Regeln und Termine für Teilnehmende des laufenden Semesters stehen auf der Seminarseite. Das Format wurde im Sommersemester 2026 erstmals durchgeführt und läuft im Wintersemester 2026/27 zum zweiten Mal.
Das Problem
Eine zu Hause geschriebene Hausarbeit zeigt nicht mehr verlässlich, was Studierende können. Mit einem LLM, also einem Sprachmodell wie ChatGPT oder Claude, entsteht in unter einer Stunde ein sprachlich sauberer und fachlich plausibler Text von 2500 Wörtern, ohne dass sich jemand mit dem Thema befasst haben muss.
Erkennen, Verbieten und Bestätigenlassen helfen nicht weiter. Die Erkennung von LLM-Texten ist unzuverlässig, ein Verbot lässt sich nicht durchsetzen, und eine Eigenständigkeitserklärung prüft nichts. Alle drei Ansätze fragen außerdem, ob ein Text mit einem LLM entstanden ist. Für die Bewertung zählt eine andere Frage: ob die Person beim Schreiben Urteilsvermögen entwickelt hat.
Die Idee
Das Format erlaubt LLMs in allen Phasen und bewertet drei Fähigkeiten zu drei Gelegenheiten:
Erklärendes Schreiben (30 %): Die Studierenden schreiben einen Essay von 2500 Wörtern, der ein eng umrissenes Konzept für fortgeschrittene Bachelorstudierende erklärt. Benotet wird die Fassung nach einer Runde Peer-Feedback.
Lesen (30 %): Das Referat behandelt nicht das eigene Thema, sondern den Entwurf einer anderen Person.
Überarbeiten unter Kritik (40 %): In der letzten Sitzung überarbeiten die Studierenden ihren Essay im Seminarraum, ohne Internet und ohne LLM, auf der Grundlage eines kurzen Gutachtens der Lehrperson.
Das Format unterscheidet damit nicht zwischen Studierenden mit und ohne LLM, sondern zwischen solchen, die sich mit ihrem Text auseinandergesetzt haben, und solchen, die es nicht getan haben. Wer ein LLM zum Entwerfen und Überarbeiten nutzt und das Ergebnis versteht, tut, was das Seminar vermitteln soll, und wird nicht anders bewertet als jemand, der ohne LLM gearbeitet hat.
Ablauf
Das Seminar braucht 13 Sitzungen und eine sitzungsfreie Schreibwoche. Es ist für fünf bis acht Teilnehmende ausgelegt.
Sitzungen 1 bis 7: Texte beurteilen lernen
Auftakt, drei Writing Labs (Gliedern, Kohäsion und Kohärenz, Klarheit und Prägnanz) und drei Übungssitzungen an kurzen Absätzen. In den Übungssitzungen wird ein fehlerhafter Absatz projiziert, alle verbessern ihn in zwei Minuten auf Papier, einige lesen ihre Fassung vor, und die Unterschiede werden besprochen. Ein Teil der Absätze enthält Fehler, wie sie in LLM-Texten vorkommen: erfundene Quellen, unbelegte Behauptungen, übertriebene Gewissheit.
Schreibwoche und Sitzung 8: Erstfassung und Pair Editing
Die Erstfassung (mindestens 1500 Wörter) ist am Vortag der Sitzung fällig. In der Sitzung lesen die Studierenden in Paaren gleichzeitig die Erstfassung der jeweils anderen Person (25 Minuten) und geben einander dann je 20 Minuten Feedback. Die revidierte Fassung geben sie am selben Abend ab. Danach wird bekanntgegeben, wer über welchen Entwurf referiert.
Sitzungen 9 und 10: Vorbereitung der Referate
Eine Sitzung dazu, wie ein Referat über einen fremden Text aufgebaut ist, und eine Arbeitssitzung, in der die Lehrperson berät, welchen Zugang ein Entwurf braucht.
Sitzungen 11 und 12: Referate
12 bis 15 Minuten Vortrag, Diskussion, eine kurze Erwiderung der schreibenden Person. Zum Schluss verbessert die referierende Person einen von der Lehrperson gewählten Satz spontan, nach 90 Sekunden Bedenkzeit ohne Hilfsmittel.
Sitzung 13: Betreute Überarbeitung
180 Minuten im Seminarraum. Die Studierenden erhalten ihre Notizen aus dem Referat und das Gutachten und geben am Ende die finale Fassung mit einer kurzen Stellungnahme ab.
Die Bausteine im Einzelnen
Themen
Die Lehrperson stellt vor Semesterbeginn eine Liste eng umrissener Themen zusammen. Ein Thema eignet sich, wenn es sich nicht trivial erklären lässt, wenn 2500 Wörter dafür ausreichen und wenn es sich von den anderen Themen so weit unterscheidet, dass die Studierenden kein Material teilen können. Breite Themen wie „TLS“ oder „Differential Privacy“ eignen sich nicht: Sie sind zu groß, und ein LLM schreibt darüber ohne Mühe einen brauchbaren Überblick. Geeignet ist ein einzelner Befund oder Mechanismus, etwa die Frage, warum Unternehmen Passkeys kaum einführen, obwohl sie sicherer sind als Passwörter.
Das Referat über einen fremden Entwurf
Das Referat ist die größte Abweichung vom üblichen Seminar. Es prüft, ob jemand einen Fachtext genau lesen, einschätzen und öffentlich besprechen kann. Wer das eigene Thema beherrscht, aber ungenau liest, schneidet hier schlecht ab.
Die referierende Person wählt einen von drei Zugängen: eine nachvollziehende Darstellung für einen soliden Entwurf, eine Kritik mit Gegenvorschlag für einen Entwurf mit substanziellen Problemen, oder drei offene Fragen für einen interessanten, aber unvollständigen Entwurf. Die Wahl wird mitbewertet, weil sie zeigt, ob der Entwurf richtig eingeschätzt wurde.
Ring statt Paare
Bei der Zuordnung der Referate liest Person 1 den Entwurf von Person 2, Person 2 den von Person 3, und die letzte Person den von Person 1. Lesen sich zwei Personen gegenseitig, haben beide einen Anreiz, einander zu schonen; im Ring entfällt er. Die Zuordnung wird erst bekanntgegeben, wenn die revidierten Fassungen abgegeben sind, damit niemand für eine bestimmte Leserin oder einen bestimmten Leser schreibt. Anonym ist die Zuordnung nicht: In einer Gruppe dieser Größe wüssten ohnehin bald alle, wer was geschrieben hat.
Das Pair Editing davor läuft dagegen in Paaren. Es ist unbenotetes Feedback, und die Partnerin oder der Partner ist eine andere Person als die, die später referiert.
Das Gutachten
Die Lehrperson liest jede revidierte Fassung und schreibt dazu ein kurzes Gutachten mit genau zwei Punkten: einer Frage zu Klarheit oder Aufbau, die sich in 30 bis 45 Minuten bearbeiten lässt, und einem inhaltlichen Einwand, der Nachdenken verlangt, etwa ein Gegenargument oder ein fehlender Gesichtspunkt. Die Studierenden sehen das Gutachten erst in der letzten Sitzung.
Die Begrenzung auf zwei Punkte hält die letzte Sitzung für die Studierenden machbar und den Aufwand der Lehrperson überschaubar. Das Gutachten ist die Hauptgrundlage der Überarbeitung, das Feedback aus dem Referat kommt hinzu. So entsteht niemandem ein Nachteil, dessen Entwurf ein schwaches Referat bekommen hat.
Notizen bleiben im Raum
Während des Referats über ihren Entwurf macht sich die schreibende Person Notizen auf Papier, das die Lehrperson austeilt, anschließend einsammelt und erst in der letzten Sitzung zurückgibt. Die Notizen lassen sich so nicht zu Hause mit einem LLM zu einem Überarbeitungsplan ausbauen. Über die Kritik nachdenken können die Studierenden weiterhin, und das sollen sie auch.
Betreute Überarbeitung
Die Studierenden schreiben auf dem eigenen Laptop, der offline bleibt. Sie dürfen ihre Quellen als lokale Dateien und einen Ausdruck ihrer revidierten Fassung mitbringen, aber keine vorbereiteten Textbausteine. Die Lehrperson beantwortet organisatorische Fragen, keine inhaltlichen.
Bonus
Studierende können schlecht geschriebene Absätze aus veröffentlichten Texten einreichen und in einem eigenen Absatz erklären, was daran schlecht ist. Ein guter Beitrag verbessert die Note um eine Stufe, höchstens zwei Beiträge zählen. Die Beiträge dienen in späteren Semestern als Material für die Übungssitzungen.
Bewertungsschema
In den Sitzungen geht es um Geschmack: die Fähigkeit, gute Fachtexte von schlechten zu unterscheiden. Benotet wird aber nach Kriterien, die sich einzeln begründen lassen.
Essay: epistemische Qualität (Korrektheit, Reichweite der Aussagen, Quellentreue, Umgang mit Unsicherheit), rhetorische Qualität (Aufbau, Klarheit, Kohäsion, Register) und handwerkliche Qualität (Abbildungen, Typographie, Gesamteindruck).
Referat: Passt der gewählte Zugang zum Entwurf? Setzt sich das Referat mit dem auseinander, was im Entwurf steht? Dazu die mündliche Leistung einschließlich der spontanen Verbesserungsaufgabe.
Überarbeitung: Geht die finale Fassung auf die beiden Punkte des Gutachtens ein? Setzt sich die Stellungnahme inhaltlich mit der Kritik auseinander? Bleiben die Stärken der vorherigen Fassung erhalten?
Was das Format erschwert und was nicht
Das Format macht strategisches Verhalten nicht unmöglich. Es macht oberflächliches Arbeiten aufwendiger:
- Wer einen Entwurf erzeugen lässt, ohne ihn zu verstehen, kann in der letzten Sitzung die beiden Punkte des Gutachtens kaum bearbeiten.
- Wer ein Referat mit einem LLM vorbereitet und nur vorträgt, hat es in der Diskussion und bei der spontanen Verbesserungsaufgabe schwer.
- Wer zu Hause einen Überarbeitungsplan vorbereitet, kennt das Gutachten nicht, auf das die Überarbeitung antworten muss.
- Auch ein guter Entwurf muss überarbeitet werden, weil das Gutachten zu jedem Entwurf zwei Punkte benennt.
Nicht erfasst wird, wer ein LLM durchgehend benutzt und dabei versteht, was entsteht. Das ist beabsichtigt.
Verworfene Alternativen
- Nur bestanden oder nicht bestanden. Löst das Bewertungsproblem, gibt aber die Differenzierung auf.
- Ein praktisches Projekt statt eines Textes. Ergibt ein anderes Lehrformat: Ein Seminar soll das Lesen wissenschaftlicher Literatur und das Schreiben wissenschaftlicher Texte vermitteln.
- Mündliche Prüfungen zu jeder Arbeit. Die Prüfungsform sieht ein Referat mit Diskussion vor, keine mündliche Prüfung; zusätzliche Prüfungsteile machen Noten angreifbar.
- Anonyme Zuordnung der Entwürfe. In einer Gruppe von fünf bis acht Personen wirkungslos. Sie vermittelt außerdem, dass gründliche Kritik Anonymität braucht.
- Gegenseitiges Lesen in Paaren. Lädt zur gegenseitigen Schonung ein; daher der Ring.
- Finale Fassung mit 48 Stunden Frist nach der betreuten Sitzung. Es entstünden zwei Texte, und eine ehrliche Überarbeitung ließe sich nicht mehr von nachträglicher Politur durch ein LLM unterscheiden.
Aufwand für die Lehrperson
Die folgenden Werte sind Planungswerte für fünf bis acht Teilnehmende.
Themenliste: beim ersten Mal mehrere Nachmittage, danach weniger.
Entwürfe lesen und Gutachten schreiben: 60 bis 90 Minuten pro Person. Das ist der anspruchsvollste Teil, weil die Gutachten über alle Teilnehmenden hinweg ähnlich schwer sein müssen.
Finale Fassungen lesen und benoten: vier bis fünf Stunden.
Betreute Überarbeitung: drei Stunden Aufsicht, keine Vorbereitung außer den Gutachten.
Insgesamt: 25 bis 35 Stunden außerhalb der Sitzungen.
Grenzen
- Die letzte Sitzung misst auch Tempo und Ausdauer. Wer gründlich, aber langsam überarbeitet, ist im Nachteil. Die Begrenzung auf zwei Punkte mildert das, hebt es aber nicht auf.
- Das Format ist für kleine Gruppen gebaut. Bei mehr als acht Teilnehmenden reichen zwei Referatssitzungen nicht, und der Aufwand für die Gutachten wächst mit jeder Person.
- Es setzt Studierende voraus, die sich das Schreiben in der Seminarsprache zutrauen. Für Gruppen mit sehr unterschiedlichen Sprach- oder Fachkenntnissen müsste das Format angepasst werden.
- Das Referat prüft Lesen, nicht Themenwissen. Das sollte in der Ankündigung stehen, damit die Studierenden mit der richtigen Erwartung kommen.
Fragen zum Format und Erfahrungen aus eigenen Durchläufen sind willkommen.
